Die Flüchtlinge

(…)
ERSTER SPRECHER (AREGAI)

Nicht weit vom Strand wartete ein Fischerboot auf uns mit einem Kapitän und seinem Gehilfen. Andere, Leute wie wir, halfen ihnen dann und wann.

ERZÄHLER

Ja genau… Der Kapitän! “The White Man” wurde er genannt. Er war Tunesier. Aus Sfax.
Vor einiger Zeit hatte er schon andere arme Teufel nach Italien gebracht.
Die Polizei hatte ihn verhaftet, doch wieder auf freiem Fuß, ist er nach Libyen zurückgekehrt.
Er ist zurückgekehrt, um ein altes Boot auf die andere Seite des Meeres zu führen.
Es wäre ihm fast gelungen…

SPRECHERIN (KEBRAT)

Ich erinnere mich, dass wir lange auf dem Meer ausharrten. Viel Zeit.
Zuviel Zeit.
Der eine oder andere trank schon mal Meerwasser, weil wir unter der sengenden Sonne Durst hatten.

ERSTER SPRECHER (BERAKHE)

Wir waren schon seit mindestens vierundzwanzig Stunden auf See, als der Motor kaputt ging. Nur wenige Meilen vor der Küste sahen wir Lichter. Wir waren sicher, gerettet zu sein. Vielleicht waren es Lichter einer Insel oder anderer Boote.
Wir, auf unserem Boot, hatten kein Licht.

ERZÄHLERIN

Kein Licht, kein Funkgerät, um Hilfe herbeizurufen. Und die Flüchtlinge hatten keine Handys: Man hatte sie ihnen vor dem Ablegen in Misrata abgenommen.
Sie waren so nah am Ziel, nur eine halbe Seemeile von Lampedusa entfernt. Und trotzdem waren sie noch nicht in Sicherheit, als sie in der Dunkelheit die winzigen Lichter der Fischerboote erkannten.

ZWEITER SPRECHER (TESFAHIWET)

Wir sahen die Boote der Fischer, doch sie sahen uns nicht.
Wir fingen an zu schreien, doch es half nicht: Sie sahen und sie hörten uns nicht!

ERSTER SPRECHER (BERAKHE)

Und so hat jemand eine Decke angezündet… Ich weiß nicht, wer es gewesen ist…
Vielleicht der Kapitän, vielleicht einer von uns. Was macht es schon? Der, der es tat, wollte die Aufmerksamkeit der Boote auf uns lenken, die wir um uns herum sahen.

(…)

Die Einwohner der Insel

(…)

ERZÄHLERIN

Am 3. Oktober hätte der Tag auf Lampedusa angenehm werden können: es gab kaum Wolken, die Temperatur war nicht mehr sommerlich, aber noch um die 24 Grad warm. Nur eine frische Brise ließ das Boot der Flüchtlinge schaukeln.
Lampedusa war so wie Touristen es sich wünschen: Sonne, Meer, Fischfang, schöne Strände…

ERSTER SPRECHER (CARMINE)

Ich bin von Beruf Optiker, aber ich fische gern, ich fahre oft raus aufs Meer. An diesem Morgen war ich dort, auf der Reede, mit sieben Freunden.
Wir haben was gegessen und sind dann eingenickt: normalerweise schlafen wir nicht, wir wollen dort den Morgen erleben, den Sonnenaufgang abwarten.
Das Meer war ruhig.
Wir wollten im Morgengrauen ein Bad nehmen, dann mit dem Schleppnetz eine Stunde fischen, um anschließend zur Arbeit zu gehen.
Es war so zwischen dreiviertel sechs und sechs, als wir zum ersten Mal ein seltsames Schreien hörten.

ZWEITER SPRECHER (VITO)

Auf meinem Boot, der „Gamar“, waren wir zu acht. Kurz vor zwei Uhr nachts sind wir eingeschlafen. Später wollten wir rausfahren, zum Fischen.
Nach einigen Stunden hat einer meiner Freunde Schreie gehört. Ich dachte zuerst, dass es Möwen waren…

ERSTER SPRECHER (CARMINE)

Schließlich haben wir kapiert, dass es keine Vögel, sondern menschliche Schreie waren.
Wir sind noch etwas weiter rausgefahren und konnten sehen, was los war.

(…)

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